Neue Entwicklungen in der Brustkrebsforschung: Ergebnisse vom ESMO-Kongress 2026
Beim ESMO-Kongress 2026 wurden neue Ergebnisse zu unterschiedlichen Formen von Brustkrebs vorgestellt. Die Themen reichen von der Behandlung des frühen, hormonrezeptorpositiven Brustkrebses über neue Ansätze bei fortgeschrittener Erkrankung bis hin zur Behandlung von Hirnmetastasen und der Frage, wie sich Resistenzen gegen moderne Krebsmedikamente überwinden lassen. Die Ergebnisse zeigen sowohl neue Behandlungsperspektiven als auch Grenzen der untersuchten Therapien.
Früher Brustkrebs: Trastuzumab deruxtecan erreicht niedrige Raten von vollständigem Tumorrückgang
Die Phase-II-Studie TALENT untersuchte Trastuzumab deruxtecan (T-DXd) bei Patient:innen mit frühem, hormonrezeptorpositivem (HR-positivem), HER2-low-Brustkrebs. Das Antikörper-Wirkstoff-Konjugat wurde vor einer Operation eingesetzt, entweder allein, in Kombination mit der antihormonellen Therapie Anastrozol oder gefolgt von einer Chemotherapie.
Insgesamt wurden 132 Patientinnen untersucht. Eine pathologische Komplettremission (pCR), bei der nach der Behandlung im untersuchten Operationsgewebe keine aktiven Tumorzellen mehr nachweisbar sind, wurde bei 7 % der Patient:innen unter T-DXd allein, bei 3 % unter T-DXd plus Anastrozol und bei 9 % unter T-DXd gefolgt von einer Chemotherapie beobachtet. Wurden auch Patient:innen berücksichtigt, bei denen nur noch sehr geringe Tumorreste vorhanden waren, lagen die Raten bei jeweils 16 %, 17 % und 17 %.
Damit waren die Raten vollständiger Tumorrückgänge in allen drei Behandlungsgruppen niedrig. Die objektiven Ansprechraten, die auch andere Formen der Tumorverkleinerung einschließen, lagen dagegen zwischen 62 % und 72 %. Die Ergebnisse zeigen, dass eine messbare Verkleinerung des Tumors nicht zwangsläufig bedeutet, dass bei der Operation kein invasiver Tumorrest mehr nachweisbar ist.
Die Studie war nicht darauf ausgelegt, die drei Behandlungsgruppen statistisch direkt miteinander zu vergleichen. Zudem gab es keine Kontrollgruppe mit einer alleinigen Chemotherapie. Aus den Ergebnissen lässt sich daher nicht ableiten, dass eine der untersuchten Strategien einer Standardbehandlung überlegen ist. Weitere Forschung ist erforderlich, um herauszufinden, welche Patient:innen mit frühem HR-positivem, HER2-low-Brustkrebs von einer Behandlung mit T-DXd profitieren könnten.
HR-positiver, HER2-negativer metastasierter Brustkrebs: Immuntherapie nach Versagen der antihormonellen Behandlung
Die Phase-III-Studie KEYNOTE-B49 untersuchte, ob die zusätzliche Gabe des Immuntherapeutikums Pembrolizumab zu einer Chemotherapie die Behandlungsergebnisse bei fortgeschrittenem oder metastasiertem HR-positivem, HER2-negativem Brustkrebs verbessern kann. Eingeschlossen waren Patient:innen mit PD-L1-positiven Tumoren, deren Erkrankung nach einer vorherigen antihormonellen Behandlung fortgeschritten war und für die eine Chemotherapie infrage kam.
Insgesamt wurden 342 Patient:innen auf zwei Gruppen verteilt. Eine Gruppe erhielt Pembrolizumab plus Chemotherapie, die andere ein Placebo plus Chemotherapie. Das durchschnittliche progressionsfreie Überleben, also die Zeit, in der die Erkrankung nicht weiter fortschritt, betrug 6,7 Monate mit Pembrolizumab und Chemotherapie gegenüber 6,0 Monaten mit Chemotherapie allein. Der Unterschied war statistisch signifikant.
Beim durchschnittlichen Gesamtüberleben zeigte sich dagegen kein statistisch signifikanter Vorteil. Es betrug 21,0 Monate in der Pembrolizumab-Gruppe und 22,2 Monate in der Kontrollgruppe. Schwere behandlungsbedingte Nebenwirkungen vom Grad 3 oder höher traten bei 38 % der Patient:innen unter Pembrolizumab plus Chemotherapie und bei 33 % unter Placebo plus Chemotherapie auf.
In der Untergruppe mit einer stärkeren PD-L1-Expression (CPS ≥ 10) auf der Tumoroberfläche deuteten die Ergebnisse auf einen ausgeprägteren Vorteil beim progressionsfreien Überleben hin. Diese Beobachtung ist jedoch gesondert zu betrachten und belegt keinen gesicherten Vorteil beim Gesamtüberleben.
Die Ergebnisse zeigen, dass die zusätzliche Immuntherapie bei dieser Patient:innengruppe das Fortschreiten der Erkrankung verzögern kann. Ein Vorteil beim Gesamtüberleben wurde in der Studie jedoch nicht nachgewiesen. Welche Bedeutung die Kombination für die zukünftige Behandlung haben wird, muss daher im Zusammenhang mit weiteren Daten und verfügbaren Therapieoptionen beurteilt werden.
HR-positiver, HER2-negativer metastasierter Brustkrebs: Atirmociclib nach Behandlung mit CDK4/6-Hemmern
Die randomisierte Phase-II-Studie FOURLIGHT-1 untersuchte Atirmociclib in Kombination mit Fulvestrant bei Patient:innen mit fortgeschrittenem oder metastasiertem HR-positivem, HER2-negativem Brustkrebs, deren Erkrankung nach einer vorherigen Behandlung mit einem CDK4/6-Hemmer fortgeschritten war.
Atirmociclib ist ein Wirkstoff, der gezielt CDK4 hemmt. Diese Proteine sind an der Regulation des Zellzyklus beteiligt und spielen damit eine Rolle bei der Vermehrung von Zellen. Die Studie verglich die Kombination aus Atirmociclib und Fulvestrant mit einer vom Behandlungsteam ausgewählten Standardtherapie, die entweder Fulvestrant allein oder Everolimus plus Exemestan umfasste.
Bei 263 Patient:innen betrug das durchschnittliche progressionsfreie Überleben 9,4 Monate mit Atirmociclib plus Fulvestrant und 6,6 Monate unter der Vergleichstherapie. Der Unterschied war statistisch signifikant. Auch die objektive Ansprechrate und die klinische Nutzenrate fielen in der Atirmociclib-Gruppe höher aus. Das durchschnittliche Gesamtüberleben war zum Zeitpunkt der Auswertung noch nicht abschließend bestimmbar.
Die häufigsten Nebenwirkungen unter Atirmociclib waren eine Verminderung der Neutrophilen, einer Untergruppe der weißen Blutkörperchen, sowie eine Verminderung der weißen Blutkörperchen insgesamt. Die Ergebnisse liefern Hinweise darauf, dass die gezielte Hemmung von CDK4 auch nach einer vorherigen Behandlung mit CDK4/6-Hemmern einen therapeutischen Nutzen haben könnte. Ob sich dieser Ansatz langfristig bewährt und welchen Stellenwert Atirmociclib künftig in der Behandlung erhält, müssen weitere Studien zeigen.
HER2-positiver metastasierter Brustkrebs mit Hirnmetastasen: Tucatinib zur besseren Kontrolle im Gehirn
Hirnmetastasen sind eine besondere Herausforderung bei HER2-positivem metastasiertem Brustkrebs. Die Phase-II-Studie BRIDGET untersuchte deshalb, ob Tucatinib zusätzlich zu einer bereits eingesetzten HER2-gerichteten Behandlung die Kontrolle der Erkrankung im Gehirn verbessern kann.
Die Studie richtete sich an Patient:innen, bei denen eine begrenzte Verschlechterung im Gehirn aufgetreten war, während die Erkrankung außerhalb des Gehirns weiterhin kontrolliert war. Nach einer lokalen Behandlung der Hirnmetastasen, beispielsweise durch eine stereotaktische Bestrahlung, erhielten die Teilnehmenden zusätzlich Tucatinib zu ihrer bisherigen HER2-gerichteten Therapie. Als Kombinationen kamen Trastuzumab plus Pertuzumab oder Trastuzumab-Emtansin (T-DM1) infrage.
In der auswertbaren Gruppe von 47 Patient:innen wurde das durchschnittliche intrakranielle progressionsfreie Überleben zum Zeitpunkt der Auswertung noch nicht erreicht. Nach sechs Monaten waren 91 % ohne Fortschreiten der Erkrankung im Gehirn, nach zwölf Monaten waren es 64 % und nach 18 Monaten 59 %. Bei zwei Patient:innen wurde ein Fortschreiten der Erkrankung außerhalb des Gehirns berichtet. Nebenwirkungen vom Grad 3 oder höher traten bei 15 % auf.
Die Ergebnisse sprechen dafür, dass die zusätzliche Gabe von Tucatinib nach einer lokalen Behandlung das Fortschreiten von Hirnmetastasen möglicherweise länger verhindern kann. Da es sich um eine Phase-II-Studie mit einer begrenzten Teilnehmerzahl handelt, sind weitere Daten notwendig, um den Stellenwert dieses Vorgehens genauer einzuordnen.
HR-positiver, HER2-negativer metastasierter Brustkrebs mit ESR1-Mutation: FDA erteilt beschleunigte Zulassung für Camizestrant
Die US-amerikanische Arzneimittelbehörde FDA hat Camizestrant im September 2026 im beschleunigten Zulassungsverfahren in Kombination mit einem CDK4/6-Hemmer zugelassen. Die Zulassung betrifft Erwachsene mit lokal fortgeschrittenem oder metastasiertem HR-positivem, HER2-negativem Brustkrebs, bei denen während einer Behandlung mit einem Aromatasehemmer und einem CDK4/6-Hemmer eine ESR1-Mutation auf dem Tumor nachgewiesen wird.
ESR1-Mutationen können im Verlauf einer antihormonellen Behandlung entstehen und dazu beitragen, dass der Tumor weniger empfindlich auf Aromatasehemmer reagiert. Camizestrant greift am Östrogenrezeptor an. Der Ansatz besteht darin, bei Nachweis einer solchen Resistenzmutation die antihormonelle Behandlung zu wechseln, noch bevor ein Fortschreiten der Erkrankung in der Bildgebung festgestellt wurde.
Grundlage der Zulassung waren Ergebnisse der randomisierten Studie SERENA-6. In der Studie wurde Camizestrant in Kombination mit einem CDK4/6-Hemmer mit der Fortsetzung eines Aromatasehemmers plus CDK4/6-Hemmer verglichen. Das durchschnittliche progressionsfreie Überleben betrug 16,0 Monate in der Camizestrant-Gruppe und 9,2 Monate in der Vergleichsgruppe. Zum Zeitpunkt der Auswertung waren die Daten zum Gesamtüberleben noch nicht ausgereift.
Die beschleunigte Zulassung gilt für die USA. Sie bedeutet nicht automatisch, dass Camizestrant auch in Europa zugelassen oder in Deutschland verfügbar ist. Die FDA hat zudem festgelegt, dass weitere Studien den klinischen Nutzen bestätigen müssen.
Einordnung
Die vorgestellten Ergebnisse zeigen, wie unterschiedlich sich die Forschung beim Brustkrebs entwickelt: Bei frühem HR-positivem, HER2-low-Brustkrebs wurden unter Trastuzumab deruxtecan nur wenige vollständige pathologische Krankheitsrückgänge beobachtet. Bei fortgeschrittener Erkrankung untersuchen Studien dagegen neue Kombinationen, gezielte Wirkstoffe und Strategien, um Resistenzen zu überwinden oder Hirnmetastasen besser zu kontrollieren.
Nicht alle Ergebnisse führen unmittelbar zu einer neuen Behandlungsmöglichkeit. Einige beruhen auf frühen oder vergleichsweise kleinen Studien, andere zeigen Verbesserungen einzelner Endpunkte, ohne einen Vorteil beim Gesamtüberleben nachzuweisen. Für Patient:innen bleibt daher entscheidend, welche Ergebnisse sich in weiteren Studien bestätigen und wie sich neue Ansätze im Vergleich zu den etablierten Behandlungsmöglichkeiten bewähren.
Quellen: TALENT; KEYNOTE-B49; FOURLIGHT-1; BRIDGET; SERENA-6 (alle Artikel sind auf Englisch)